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Verbindungen?

Allgemeine Corpsgeschichte

Die Geschichte der Verbindungen ist eng verbunden mit der Geschichte der Universitäten und in diesem Falle naturgemäß mit den mitteleuropäischen Universitäten. Die älteste noch bestehende Universität (seit dem 8. Jahrhundert) ist die Universität von Kairo. Die ältesten europäischen Universitäten entstanden in Bologna (Ende 11. Jhdt.), Paris (Mitte 12. Jhdt.) und Oxford (Ende 12. Jhdt.). Die für uns interessanten Universitäten sind die von Bologna und Paris, da sie für die Studierenden aus den deutschen Landen zwar nicht gerade einfach, aber doch erreichbar waren. Bei diesen beiden zeigte sich aber schon ein wesentlicher struktureller Unterschied. Während Bologna nach Nationes aufgebaut war, war Paris schon nach Fakultates gegliedert und diese Art der Universität sollte sich im Laufe der Jahrhunderte überall durchsetzen.

Die Einteilung in Nationes bedeutete, daß sich Studierende und Professoren gleicher nationaler Zugehörigkeit zum Zweck der gegenseitigen Unterstützung in der Fremde, der Gestaltung des akademischen Lehrbetriebes und der Pflege der heimatlichen Bräuche zusammen schlossen. Ihr Vorbild hatten sie offensichtlich in den deutschen Gilden. Da der Weg in die Heimat weit und gefährlich war, verlieh Friedrich Barbarossa 1158 Lehrern und Schülern das Recht „universitates magistrorum et scholarium“ zu bilden. Dieser Erlaß verlieh Professoren und Studenten ein eigenes Recht und eine eigene Gerichtsbarkeit.

Die Studenten der nationes wohnten gemeinsam in besonderen Kollegienhäusern, den sogenannten Bursen, wo sie verpflegt und unter der Aufsicht von Professoren unterrichtet wurden. Außerhalb der Universität trafen sich die Studenten nach Nationen gegliedert, gaben sich eigene Gesetze und bildeten die ersten Formen der Landsmannschaftlichen Verbindungen, oft schon mit eigenen Abzeichen in den Landesfarben der Heimat.

Im Jahre 1348 wurde die erste deutsche Universität in Prag gegründet und zwar nach dem System der nationes. Aus der akademischen Wohngemeinschaft in einer Burse entwickelten sich in Form der Nationalbursen regelrechte studentische Vereinigungen. Aus diesem Wort Burse entstand dann der Begriff Bursche als Bezeichnung für einen Angehörigen einer Burse. Innerhalb dieser Gemeinschaft hatte man feste Satzungen.

Im 16. Jhdt. bildeten sich auf dieser Basis sogenannte Nationalkollegien oder Nationalbursen, die hauptsächlich durch Wahrung der akademischen Rechte und Privilegien bekannt sind, z.B. das von Kaiser Maximilian 1514 verbriefte Recht, Waffen tragen zu dürfen. Vor allen Dingen treffen wir aber auf die stark übertriebenen Depositionsriten. Die neu hinzugekommenen und die älteren Studenten hatten unterschiedliche Rechte. So war das Zeremoniell bei einer Aufnahme von Neuimmatrikulierten streng festgelegt (Deposition). Der Neuling wurde durch allerlei Schabernack und Unbillen von den Sitten des verachteten Pennälertums sozusagen gereinigt. Es wurden ihm hölzerne Hörner abgeschlagen, hölzerne Zähne gezogen und er wurde mit riesigen Hobeln am ganzen Körper abgehobelt. Erst jetzt durfte er sich in die Matrikel eintragen lassen. Ein Nachklang davon ist noch die Fuchsentaufe und der Fuchsritt.

Im 17. Jahrhundert tritt die Deposition an Bedeutung zurück und der Pennalismus in den Vordergrund. Die alten Studenten ließen sich von den Studenten der ersten beiden Semester, den Pennalen, in jeder Weise aushalten. So wurde alte, abgetragene Kleidung fast zur Uniform der Pennalen. Zudem häuften sich die Duelle, was dem Ansehen der Universitäten schadete. Der Reichstag sah sich 1654 deshalb gezwungen, die Nationalkollegien aufzulösen, womit für selbstverwaltete studentische Gemeinschaften die lange Zeit der Verfolgung begann.

Die Mitte des 18. Jahrhunderts aus England kommenden Ideen des Freimaurertums wurden bald auch von den Studenten aufgenommen. So entstanden die studentischen Orden, straff organisierte Gemeinschaften gleicher ideeller Ausrichtung, die ihre Mitglieder nicht wie bisher nach nationaler Herkunft, sondern nach Eignung aussuchten. Sie legten die gesellschaftlichen Schranken zwischen adeligen und bürgerlichen Studenten nieder, schufen den Begriff der Standesehre und legten die Grundlage zu dem, was später als Komment verstanden wurde. Neu an diesen Verbindungen war auch, daß man aus ihnen nicht wie bisher nach Beendigung der Studienzeit ausschied, sondern Mitglied auf Lebenszeit war.

Obwohl die Orden nach außen hin kaum in Erscheinung traten, erregten sie in der Zeit nach der französischen Revolution aufgrund der von ihnen vertretenen liberalen Ideen das Mißfallen der Behörden. Man warf ihnen vor, die Autorität der Behörden zu untergraben und die Duelle zu vermehren. 1793 verbot der Regensburger Reichstag alle geheimen Studentenverbindungen.

Den Niedergang der Orden besiegelten nicht die Verbote allein, sondern vor allem die Enttäuschung über den Verlauf der französischen Revolution, zur Schau getragener geistiger Hochmut und Überheblichkeit gegenüber anderen Studenten und die Rivalität mit den gleichzeitig noch existierenden landsmannschaftlichen Verbindungen.

Auf der geistigen Grundlage der alten Orden und der äußeren Struktur und Namen der Landsmannschaften entwickelten sich aus dem darniederliegenden Verbindungsstudententum Zirkel oder Kränzchen – belegt ab 1789 -, aus denen ab ca. 1800 die Corps in ihrer heutigen Form entstanden. Sie wählten ihre Mitglieder nach Eignung aus, gewährten ihnen volle politische, religiöse und wissenschaftliche Freiheit und schlossen sie zu einem engen Freundesbund auf Lebenszeit zusammen. Sie legten den bisher nur mündlich überlieferten Komment schriftlich fest, schafften das wilde Duell ab und bildeten im Seniorenconvent das für alle Studenten verbindliche Gericht.

Die durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses enttäuschten Studenten, die sich durch die napoleonischen Freiheitskriege 1813 die Einigung und politische Modernisierung Deutschlands erhofft hatten, darunter in erster Linie Corpsstudenten, gründeten am 12. 06. 1815 in Jena zur Verfolgung ihrer Ziele die Urburschenschaft, der sämtliche Studenten angehören sollten. Von den Behörden des Metternichschen Systems wurden sie – und mit ihnen die Corps – nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 jedoch rigoros verfolgt und in den Untergrund gedrängt. Bis 1848 sollten die Corps und die bald in Einzelverbindungen zerfallende Burschenschaft die einzigen Verbindungen auf den Universitäten bleiben. Der Plan einer sämtliche Studenten umfassenden Burschenschaft hatte sich als Utopie erwiesen.

Die staatliche Überwachung und der Polizeiterror nahmen in Österreich immer mehr zu, jeder Verkehr mit deutschen Hochschulen war strengstens untersagt. Dann kam die Revolution im März 1848. Während sich in den deutschen Fürstentümern die Verfolgung lockerte und mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 beendet wurde, verlief die Entwicklung in Österreich entgegengesetzt. Obwohl oder gerade weil Österreich ein Vielvölkerstaat war und das Nationalitätenproblem immer brennender (vor allem bei der studierenden Jugend) wurde, wurde jegliche Vereinstätigkeit und sogar gesellige Zusammenkünfte Gleichgesinnter unter Polizeikontrolle gehalten.

Als erste noch bestehende Verbindung wurde 1850 Saxonia Wien gegründet. Erst in den 60er Jahren kam es dann zur Gründung einer großen Anzahl von Verbindungen an allen deutschen Universitäten der Monarchie, nicht nur von Corps, sondern auch als Oppositionsbewegung gegen diese die heute existierenden Landsmannschaften und Verbindungen mit spezieller kultureller, konfessioneller oder sportlicher Ausrichtung.