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Geschichte der Stadt Graz

Die slawische Bezeichnung gradec (= kleine Burg), von der sich der Name der heutigen Hauptstadt der Steiermark ableiten läßt, weist bereits auf die Aufgabe des Ortes hin: Schutz und Zuflucht zu bieten. Eine Ansiedlung im Raum Graz läßt sich allerdings, wie die neuesten Funde im Bereich des Pfauengartens und des Karmeliterplatzes gezeigt haben, bis in die Zeit um 5.000 vor Christus nachweisen. 

Der älteste schriftliche Nachweis aus dem Jahre 1115 findet sich in den Jahrbüchern des Stiftes Rein, während in Urkunden der Name der Stadt zuerst in einem Schenkungsbrief des Markgrafen Leopold aus dem Geschlecht der Traungauer um das Jahr 1118 aufscheint. Schon ein halbes Jahrhundert später wird die Siedlung als Burgflecken (suburbanum castri), 1172 als Markt und 1189 als civitas bezeichnet. Die Traungauer hatten Graz zum Mittelpunkt des Handels und der Landesverwaltung der Steiermark gemacht. Der letzte Traungauer, Ottokar IV., wurde zum Herzog der Steiermark ernannt. In der Georgenberger Handfeste sicherte er 1186 die Herrschaft dem Babenberger Leopold V. zu. 

Unter den Babenbergern nahm die Bedeutung der Stadt sehr rasch zu. Nach dem Tode des letzten Babenbergers, Friedrich des Streitbaren 1246 stritten Böhmen und Ungarn um das Erbe und erst 1276 konnte dieser Streit durch die Einsetzung eines Burggrafen unter der Herrschaft König Rudolfs von Habsburg beendet werden. Graz war inzwischen von Mauern umgeben worden, ein Rat leitete die Geschicke der Stadt. 1379 wurde Graz Residenz der Leopoldinischen Linie der Habsburger. Dieser Linie entstammte Kaiser Friedrich III, der hier von 1440 bis 1493 residierte. Von ihm stammt der Wahlspruch A.E.I.O.U. und unter seiner Herrschaft wurde die neue Burg errichtet, der Dom umgebaut und die Befestigung der Stadt ausgebaut. 1445 erhielt Graz das Recht, einen Bürgermeister zu wählen. Aber auch die Landplagen, von denen das berühmte Bild am Dom erzählt, Türken, Heuschrecken und Pest, fielen unter seine Herrschaft. Orden errichteten Klöster (Deutscher Ritterorden am Leech und die Franziskaner im Osten, die Minoriten und die Dominikaner im Westen), die Bistümer Salzburg und Seckau Wirtschaftshöfe. 

Das 16. Jahrhundert wurde geprägt durch den Übertritt fast aller Adeligen und Bürger zur Lehre Luthers, die wirtschaftliche Notlage durch die Eroberung Ungarns durch die Türken aber auch durch den Ausbau der Stadt zur „Hauptfestung“ Innerösterreichs. 1564, nach der zweiten habsburgischen Erbteilung wurde Graz Residenzstadt der innerösterreichischen Erblande. Es ist die Zeit der großen italienischen Baumeister, die den südlichen Charakter der Grazer Altstadt prägten: Domenico dell´Allio und Pietro de Pomis. Hanns Ulrich von Eggenberg, in den Fürstenstand erhoben, ließ 1625 sein Prunkschloß im Westen von Graz erbauen. An der von den evangelischen Landständen gegründeten Stiftsschule lehrten bekannte Persönlichkeiten, deren berühmtester Johannes Kepler war. Kaiser Ferdinand II. der in Graz geboren wurde und seine aus Bayern stammende Gemahlin Maria holten als Gegengewicht die Jesuiten in die Stadt. Aber unter seiner Herrschaft wurde auch die Gegenreformation 1598 – 1600 vollendet. 

Die Türkengefahr war gebannt, aber andere Wirren brachten Unruhe in die Stadt: Die Verschwörung des Grafen Tattenbach, der 1671 hingerichtet wurde und die Einfälle der Kuruzzen in der Oststeiermark zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Bevölkerung war bereits auf 15.000 Einwohner angewachsen, trotz der furchtbaren Pestepidemie des Jahres 1680. Das Ende des 17. und der Beginn des 18. Jahrhunderts war die charakteristische barocke Epoche der Stadt, die viele berühmte Männer hervorbrachte: Den Bildhauer Thaddäus Stammel, den Baumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach und den Musiker Johann Josef Fux. Der Geist der Aufklärung führte gegen Ende des 18. Jahrhunderts dazu, daß Graz 1784 unter den ersten europäischen Städten war, in denen die Stadtbefestigung aufgehoben wurde. Während der Napoleonischen Kriege (1797, 1805 und 1809) wurde der Schloßberg durch Major Hackher zwar erfolgreich verteidigt, doch mußten die Festungsanlagen nach den Bestimmungen des Schönbrunner Friedens geschleift werden, übrig blieben nur der Uhrturm, heute das Wahrzeichen der Stadt, der Glockenturm („Liesl“), der einstmals als Gefängnis diente, die „Kasematten“ (das ehemalige Schloßhauptmannshaus) und andere Überreste. 

Der Aufenthalt Erzherzog Johanns, des „Steirischen Prinzen“, half mit, die Krise dieser Franzosenjahre sehr bald zu überwinden. Die Unruhen des Revolutionsjahres 1848 waren in Graz nicht sonderlich bemerkenswert; die Konstitution wurde hier bezeichnenderweise von einer Loge des Schauspielhauses aus verkündet. Die darauf folgenden Jahrzehnte der Gründerzeit brachten den Ausbau ganzer Stadtviertel. Hamerling und Rosegger, Friedrich von Hausegger und Wilhelm Kienzl sind Exponenten der damaligen literarisch-musikalischen Hochblüte. Die Eröffnung der Südbahn 1854 und der Ausbau des Straßennetzes brachten Verbindungen vor allem in den Südosten der Monarchie. 

Die Niederlage im ersten Weltkrieg und der Zerfall der Habsburgermonarchie schufen in Graz eine neue Situation. Aus der Binnenstadt eines Großstaates wurde die Grenzstadt eines Kleinstaates. Die Zeit zwischen den Weltkriegen wurde bestimmt durch den sozialen Wohnbau an der Peripherie und in den Vororten. Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland 1938 wurden die Vororte in die Stadt eingemeindet, wodurch die Bevölkerungszahl auf über 200.000 anstieg. 

Durch die Luftangriffe während des zweiten Weltkriegs wurde etwas ein Sechstel des Grazer Wohnraumes zerstört. Nach der Zeit der Besatzung begann aber ein rascher Wiederaufbau, der mit modernen Gebäuden der Silhouette von Graz neue Akzente gibt. Trotz neuer Bauten und breiterer Straßen blieben der Flair der Altstadt und die großzügigen Parkanlagen erhalten. Das Jahr 2003 bringt Graz einen neuen Impuls als Kulturhauptstadt Europas.